„3,54 unter null“ - Eine besondere Zeitschrift bringt die Menschen zusammen

Kulturhaus Wilster
Im August 2024 startete das Projekt der BULEplus-Förderung Soziale Dorfentwicklung mit „3,54 unter null“, dem „Wilstermarsch-Magazin mit Tiefgang“. Denn in dem Ort nahe der Elbemündung liegt die tiefste Landstelle Deutschlands mit 3,54 Metern unter dem Meeresspiegel. In dieser strukturschwachen Region bringt ein Zeitungsprojekt Menschen zusammen und bewegt sie zum Austausch und zum Mitgestalten. Besonderheiten und Schönes vor Ort rücken in den Fokus und machen die Vorzüge des eigenen Lebensumfelds für alle sichtbar. Das steigert die Teilhabe und Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Region.
Widrige Gegebenheiten - erfolgreicher Start
In der Wilstermarsch im Kreis Steinburg in Schleswig-Holstein leben rund 11.000 Menschen. Der Anteil der über 65-Jährigen liegt über dem Landes- und Bundesschnitt, der Anteil der Menschen unter 18 Jahren ist unterdurchschnittlich, ebenso die Kaufkraft. Die Gemeinden haben mit Problemen wie Leerstand, der Schließung von Geschäften und Gastronomie und fehlenden Orten der Begegnung zu kämpfen. Gleichzeitig besteht der Wunsch nach sozialen Angeboten, Austausch und politischer Mitgestaltung. Teilhabe und Information wurden jahrzehntelang durch eine kleine regionale Zeitung ermöglicht, die jedoch mit Beginn der Corona-Pandemie eingestellt wurde.
„Wir wollen Menschen über ihre Region wieder miteinander in Verbindung bringen, über Kommunikation, über Themen, die von innen, nicht von außen kommen“, erklärt Marten Becker, Projektleiter des Zeitschriftenprojekts. Der Start im Spätsommer trifft ins Schwarze und gelingt überraschend gut, denn das Projekt konnte bei der überregionalen Zeitung zwei Mal beworben werden. Nützlich waren auch regionale Netzwerke. Menschen zu gewinnen, die jeder kennt. Ferner hat das Kulturhaus Wilster in seiner Rolle als soziokulturelles Zentrum geholfen, weil es bereits eine Art Dritter Ort in der Region ist. Schneller als gedacht ist eine offene Redaktion mit zehn ehrenamtlich aktiven Personen entstanden, die sich eigenständig um die Inhalte des Blattes kümmert. Zusammen mit der Chefredaktion, dem Projektleiter und dem Gestaltungsteam wird pro Ausgabe geprüft und entschieden: Was wollen wir innerhalb der Region? Welche Themen sind vor Ort wichtig? Womit können sich die Leute identifizieren? Welche Geschichten kommen von hier, deren Gesichter wir zeigen können? So berichtete die zweite Ausgabe mit Schwerpunkt Nahversorgung zu Dorf- und Hofladen und porträtierte die Arbeit von Bäckermeister Heiko Gerulat, der im Ort Beidenfleht noch traditionelle Störkringel herstellt.
Mehr als nur eine Zeitschrift – Themen erlebbar machen
Ergebnis der Projektarbeit ist das crossmediale Magazin, das vierteljährlich als Print- und E-Paper-Ausgabe erscheint. Verschiedene Veranstaltungen und Begleitveröffentlichungen machen die Themen abseits vom Papier erlebbar: Zu jeder Ausgabe gibt es mehrere Workshops, Vorträge, Podcasts, Filmabende oder Exkursionen rund um das Schwerpunktthema. So konnten Interessierte in einem Workshop beim Bäckermeister Hand anlegen, um selber Störkringel herzustellen: Die in Fett ausgebackenen Spritzringe dienten früher den Fischern, die lange auf See waren, als Notration. Gebacken wurde im Kulturhaus Wilster, das Dreh- und Angelpunkt des Projekts ist. „Durch diesen Ansatz erlangt das Projekt weitere Partizipationsmöglichkeiten neben den offenen Redaktionssitzungen“, so Marten Becker, Geschäftsführer des soziokulturellen Zentrums. Die gesamte Projektarbeit ist praxisnah ausgerichtet, um eine niedrigschwellige Teilhabe für alle zu ermöglichen.

Kulturhaus Wilster
Störkringel backen im Kulturhaus Wilster
Crossmedial und generationenübergreifend im Austausch
Mittels Aufbereitung und Veröffentlichung der regional wichtigen Themen von jeweils unterschiedlichen ehrenamtlichen Redakteurinnen und Redakteuren entsteht mehr Diversität, stärkerer Austausch innerhalb der Gemeinschaft und Chancen für einen Generationendialog. Darüber hinaus wird das Magazin durch einen Podcast und gängige Social-Media-Kanäle ergänzt. Letzteres stellt das Projektteam noch vor eine Herausforderung. Es gibt nicht viele junge Menschen in der Region und diese anzusprechen ist nicht einfach. Ein Jugendzentrum, das seit langem fehlte, wird gerade neu eröffnet, so dass vielleicht hier junge Menschen zu finden sind, die mitmachen und ihre eigenen Themen und Standpunkte einbringen wollen. Dann könnte das Projekt auf Social Media von jungen Leuten für junge Leute selbst gestaltet werden. Auch eine Kooperation mit der örtlichen Schule steht noch aus.
Qualität, Design und Gesamtkonzept finden Zustimmung
Mit Hilfe der BULEplus-Förderung Soziale Dorfentwicklung werden im Zeitraum von August 2024 bis Ende 2026 neun Ausgaben erarbeitet und veröffentlicht. Um die Menschen in der Region darauf aufmerksam zu machen, wird das Magazin einmal im Quartal in einer Auflage von 3.000 Stück kostenfrei ausgelegt und einmalig im Jahr an alle 4.500 Haushalte verschickt. Die Unternehmen können Anzeigen während der Projektlaufzeit kostenfrei schalten. Gleichzeitig legt das Projektteam großen Wert auf Qualität und Erscheinungsbild des Magazins. Nur so ließen sich auf lange Sicht regionale Unternehmen für regelmäßige, kostenpflichtige Anzeigenschaltungen gewinnen. Die Zeitschrift kommt an. Alle Exemplare sind innerhalb kürzester Zeit vergriffen. Die Resonanz ist positiv und ermutigend. Die ergänzenden Themen-Veranstaltungen führen zu mehr Austausch in der Region. Zum Konzept des Magazins gehört auch ein kommunalpolitisches Thema pro Ausgabe. Beim Neujahrsempfang in der Region hielt der Amtsvorsteher das Magazin „3,54 unter null“ hoch und äußerte sich begeistert.
Gemeinschaft bilden, Besonderheiten sichtbar machen
Mit dem Projekt soll das Miteinander in den Fokus gerückt werden. „Wir wollen und können als Magazin keine Dinge verändern, was wir aber verändern können sind Perspektiven, erläutert Marten Becker. „Wir können Gemeinschaft(en) schaffen, die wiederum etwas verändern können oder zumindest eine Diskussion anstoßen.“ Becker, der hier aufgewachsen ist, wünscht sich außerdem, dass die Bevölkerung selbst das Schöne in der Region (wieder) sieht und das eigene Lebensumfeld wertschätzt für das, was da ist. „Bei uns gibt es Schätze, die für viele über die Zeit zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Wunderschöne Sachen werden lapidar, nebensächlich dargestellt“, sagt Becker. Zugezogene staunen dann über diese Schönheiten wie etwa einen alten historischen Hof oder die Landschaft, die von drei Seiten von Wasser umgeben ist. Er hofft, dass das hochwertige Magazin diese Schönheit und auch die Besonderheiten von hier lebenden Menschen mit oft verborgenen Talenten übermittelt, um die Lebensqualität und vielleicht sogar ein Lebensgefühl in der Wilstermarsch sichtbar zu machen: „Das ist schön hier, das ist unsere Region, in der wir leben.“
Zur Projektseite des „3,54 unter null“-Magazins und zum Podcast kommen Sie hier.