Kultur bewegt Land
Offenblende Agency/Carsten Bunnemann
Rund 150 Teilnehmende tauschten sich am 16. März in Würzburg zu den Erkenntnissen der 22 Forschungsprojekte der BULEplus-Förderung Faktor K aus, die seit 2023 die Bedeutung kultureller Aktivitäten und Teilhabe für ländliche Räume untersuchen. Sie analysieren Erfolgsfaktoren für ein lebendiges, kulturelles Leben und erarbeiten Handlungsempfehlungen für Praxis und Politik.
Martina Englhardt-Kopf, Parlamentarische Staatssekretärin im BMLEH, betonte in ihrer Videogrußbotschaft die enorme Bandbreite an praxisrelevantem Wissen, das die Faktor K-Projekte zusammengetragen haben:
„Auf der Basis Ihrer Forschungsergebnisse können wir im Ministerium effektive, wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen für die Praxis entwickeln. So wollen wir ganz gezielt die kulturellen Angebote in ländlichen Regionen ausbauen und stärken. Denn Kultur ist ein zentraler Pfeiler unserer Heimatpolitik, ein unverzichtbarer Teil der kommunalen Daseinsvorsorge.“
Forschung und Praxis im Dialog
In den Dialogräumen konnten die Teilnehmenden mit den Forschenden und Praxispartnerinnen und -partnern ins Gespräch kommen und aktuelle Fragestellungen der Kulturarbeit auf dem Land diskutieren.
Im Dialograum „Wie Bilder von ländlichen Räumen Kunst und Kultur prägen – und umgekehrt“ wurde anhand der Projekte AUGE und BiDiK deutlich, dass Künstlerinnen und Künstler die ländliche Identität und das kulturelle Gedächtnis prägen, indem sie sowohl idealisierte Landschaftsbilder als auch kritische „Bildstörungen“ nutzen, um soziale und ökologische Problemlagen sichtbar zu machen. Gleichzeitig birgt die Kultur- und Kreativwirtschaft in ländlichen Räumen Potenziale wie Freiräume, Entfaltungsmöglichkeiten und gegenseitige Unterstützung, steht aber strukturellen Herausforderungen wie fehlender Infrastruktur und geringer Vernetzung gegenüber, wie das Projekt KulturLandBilder zeigt. Die Diskussion betonte die Notwendigkeit, positive Narrative für ländliche Räume zu entwickeln, die kulturelle Teilhabe, innovative Arbeitsweisen und die Gleichwertigkeit von Stadt und Land sichtbar machen.
Der Dialograum „Wie Kultur gesellschaftlichen Wandel anstößt und begleitet“ beleuchtete, wie kulturelle Arbeit in ländlichen Räumen sowohl gesellschaftliche Teilhabe als auch regionale Resilienz stärken kann. Das Projekt IKEL zeigt, dass Immaterielles Kulturerbe Potenziale für strukturschwache Regionen bietet, oft aber eine breite Beteiligung und strategische Nutzung der Auszeichnung fehlt. Bei DIYhoch3 stehen Jugendkulturen im Fokus: „Szeneporträts“ geben einen filmischen Einblick, wie Jugendliche ländliche Räume in den Bereichen Brauchtum und Tradition sowie informeller Sport kreativ gestalten. Das Projekt AMuRaKK macht deutlich, dass kulturelle Arbeit vor allem durch Beziehungs- und Netzwerkarbeit entsteht: Der Leitfaden „Kultur starten im ländlichen Raum“ gibt praxisnahe Tipps für Initiativen. Das Projekt LaKuTeZu untersucht Gelingensbedingungen kultureller Praxis in Transformationsräumen und zeigt, wie Begegnungsorte, Netzwerke und gemeinsam entwickelte regionale Narrative mit dem Quartett der Landkulturen und dem Glossar der Gelingensbedingungen spielerisch reflektiert werden können. Die Ergebnisse von KulTRes unterstreichen, dass funktionierende lokale Kooperationen, kulturelle Infrastruktur und Räume entscheidend sind, damit Kultur als Transformations- und Resilienzfaktor wirksam wird.
Im Dialograum „Wie Kultur den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt und Zugehörigkeiten schafft“ wurde sichtbar, dass Kultur in ländlichen Räumen zentrale Impulse für gesellschaftlichen Zusammenhalt, Regionalentwicklung und Transformationsprozesse liefert. Das Projekt KRAP zeigt, dass kulturelle Aktivitäten in strukturschwachen Regionen Selbstwirksamkeit und regionale Identität stärken und Kultur als strategisches Instrument der Regionalentwicklung fungieren kann. Das Projekt ERNTE verdeutlicht das Potenzial von Kooperationen zwischen Kunsthochschulen und lokalen Akteuren, die jedoch institutionelle Unterstützung und langfristige Strukturen benötigen. Museen in ländlichen Räumen stehen bei KLEINaberFEIN im Fokus: Hier werden strukturelle Spannungsfelder sichtbar, die vor allem auf personeller Unterbesetzung sowie überalterten Ehrenamtlichen beruhen. Auch hier wurden Kooperationspotenziale zwischen Museen und örtlichen Kulturakteuren identifiziert. Dass ländliche Regionen nicht zwangsläufig kulturell begrenzt, sondern tatsächlich kulturell sehr vielfältig sind, stellt das Projekt KuDeL heraus: Unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen sollten in „Solidarität in Verschiedenheit“ als gleichwertig anerkannt werden. Musikvereine, die sich mit traditionellen Strukturen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen in einem Transformationsprozess befinden, bietet der Online-Workshop des Projekts ZuLaMu „Hilfe zur Selbsthilfe“ an.
Im Dialograum zur Bedeutung von Kultur für regionale Entwicklung und Wirtschaft beleuchtete das Projekt KULT_Ressource die ambivalente Position von Kulturakteuren in ländlichen Räumen mittels eines fiktiven, KI-generierten Streitgesprächs. Sie navigieren zwischen künstlerischem Anspruch und wirtschaftlicher Notwendigkeit und müssen sich oft zusätzliche Einnahmequellen erschließen. In einem Science Slam demonstrierte das Projekt KRUX, dass für eine nachhaltige Kulturarbeit wie bei einem Eintopf viele verschiedene Zutaten erforderlich sind: Sowohl lokale Strukturen als auch externe Impulse sind entscheidend, um Innovation und Vernetzung zu fördern. Das Projekt LandStarK betrachtet die Kultur- und Kreativwirtschaft als Motor für sozial-ökologische Transformation und präsentierte eine KI-gestützte Plattform, die Kulturakteuren praxisnahe Handlungsempfehlungen liefert.
In einem weiteren Dialograum wurde diskutiert, wie Politik und Verwaltung die kulturelle Vielfalt in ländlichen Regionen stärken können. Das Projekt EKLAIR zeigt, dass ehrenamtliche Kulturarbeit in zwei Vergleichsregionen unterschiedlich organisiert ist, obwohl dabei beide vor ähnlichen strukturellen Herausforderungen wie der Überalterung der Ehrenamtlichen oder Finanzierungsproblemen für Projekte stehen. Das Projekt KoKuLa betont die Rolle von Landkreisen als koordinierende, impulsgebende und unterstützende Akteure. Dabei sind Kulturangebote nicht nur als Freizeitveranstaltungen zu verstehen, sondern als zentrale gesellschaftliche Funktionen zur Teilhabe und Integration. Die Bedeutung regionaler Netzwerke für die Verzahnung von Kultur- und Regionalentwicklung steht bei NetKulaeR im Fokus: Funktionierende Vernetzungsstrukturen sind essenziell für die kulturelle Entwicklung. Eine interaktive Web-Karte zeigt und klassifiziert regionale Netzwerkstrukturen. Im Gespräch mit den Teilnehmenden wurdeird besonders die Bedeutung politischer Rahmenbedingungen, finanzieller Unterstützung und die Anerkennung ehrenamtlicher Arbeit diskutiert, ebenso wie die Notwendigkeit, Kultur im öffentlichen Haushalt stärker zu priorisieren.
Podiumsgespräch: Kultur als Standortkraft
Abschließend diskutierten Expertinnen und Experten aus Forschung, Praxis und Verwaltung wie Kultur ländliche Räume prägt, stärkt und zusammenhält. Deutlich wurde, dass kulturelle Praxis entscheidend für Identität, Teilhabe, sozialen Zusammenhalt und demokratischen Austausch ist und neue Räume für Begegnung und Perspektivwechsel schafft. Gleichzeitig stehen Kulturakteure vor strukturellen Herausforderungen wie begrenzten Ressourcen, komplexen Förderlogiken und administrativen Rahmenbedingungen. Erfolgreiche Kulturarbeit erfordert verlässliche Strukturen, funktionierende Netzwerke, intensive Beziehungs-arbeit und die Unterstützung durch Verwaltung und politische Gremien. Aus dem Publikum wurden Impulse zur stärkeren Einbindung von Kreativschaffenden in Gremien und zur Anerkennung ehrenamtlicher Leistungen eingebracht, etwa durch Reisekostenerstattungen oder pauschale Vergütungen. Es lässt sich festhalten, dass Kultur nicht nur ergänzend, sondern als essenzieller Bestandteil regionaler Entwicklung betrachtet werden muss, um die Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit ländlicher Räume zu stärken.
Die finalen Ergebnisse aller Projekte werden im nächsten Schritt ausgewertet und in einer Broschüre mit Handlungsempfehlung für Praxis und Politik veröffentlicht.
Zwischenergebnisse von Faktor K Veranstaltungsdokumentation
Offenblende Agency/Carsten Bunnemann
Arnold Bischinger, Leiter des Kultur- und Sportamts im Landkreis Oder-Spree, Prof. Dr. Nina Gribat, Professorin für Stadtplanung an der Technischen Universität Cottbus-Senftenberg, sowie Franziska Jeltsch, Co-Projektleiterin des Mäander Projektbüros im Eifelkreis Bitburg-Prüm, im Gespräch mit Juliane Müller von Goldmedia.